2. Di, 02.12.03, 18.50 Uhr; Pizza Hut

Nicht ganz normale Familienbeziehungen

Teil A: Eltern - und was man beim Pizzaessen noch so besprechen kann

"Was für ein schwieriges Thema."
"Ja, aber irgendwann müssen wir es eh reinbringen"
"Also, gleich am Anfang sag ich mal, dass ich zu meiner Mutti ein besseres Verhältnis hatte als zu meinem Vater."
"Schon immer?"
"Ja immer noch, würde ich sagen. Und wie sieht’s bei dir aus?"
"Ähm, also verstehen tue ich mich mit beiden, aber rein vom zwischenmenschlichen ist es zu meiner Mama besser, weil wir uns einfach besser unterhalten können über alltägliche Dinge."
"War das immer so?"
"Nee, um Gottes Willen. Vor der Trennung war das genau anders herum. Weil ich ihr die Schuld dafür gegeben habe, dass es bei uns in der Familie so abgelaufen ist."
"Und wieso, hat sie etwas Bestimmtes gesagt oder gemacht, oder so was in der Richtung?"
"Sie war sehr launisch und sie hat auch öfters mal rumgeschrieen. Das konnte ich auf den Tod nicht leiden. Deswegen habe ich einfach, von ihrem Charakter ausgehend, gesagt, sie ist daran schuld, dass alles so gelaufen ist. Aber im Nachhinein bekommt man mit, dass immer zwei Personen schuld sind."
"Hat es lange gedauert, bis du eingesehen hast, dass es nicht nur an deiner Mutti gelegen hat?"
"Nach der Trennung kam dann irgendwann dieser Punkt, wo man sich Gedanken darüber gemacht hat, was da jetzt eigentlich abgelaufen ist. Dann habe ich so einige Gespräche mit ihr geführt, ich glaube sogar, die ersten in unserem Leben, jedenfalls über Wichtiges. Ich denke mit dem Alter kam es dann. Die Trennung ist ja nun schon 5 Jahre her."
"Was ist eigentlich mit deinem Bruder?"
"Ich denke mal, der war noch relativ jung, er war da ja erst 10 oder 11 Jahre alt. Und ich denke, sicher hat er es mitbekommen, aber er hat nicht so deutlich zeigen können, was er davon hält."
"War von vornherein klar, dass du bei deiner Mutti bleibst, oder hattest du in Erwägung gezogen, zu deinem Vater zu ziehen, weil du dich mit ihm besser verstanden hast?"
"Es war ja nicht so, dass ich meinem Papa alles erzählen konnte oder wollte. Wir konnten zwar miteinander reden, aber wir hatten nie irgendwelche Gemeinsamkeiten, auf denen wir das hätten aufbauen können. Vor der Trennung waren wir so etwas wie Verbündete gegen meine Mama, haben uns aber da schon nicht wirklich über wichtige Dinge unterhalten können. Damals und jetzt ist es so, dass wir nicht auf einer Wellenlänge liegen was das Miteinanderreden angeht. Wir verstehen uns super, aber sprechen eigentlich nie über weltbewegende Dinge."
"Ach so. Gab es Streitereien zwischen dir und deiner Mutti oder war diese Abneigung rein wegen dieser Trennungsgeschichte?"
"Nö, ich hatte meiner Mama damals öfters mal meine Meinung gegeigt, und das richtig laut."
"Und was denkst du jetzt darüber? Ich meine, du hast ja damals gedacht, dass es richtig war. Jetzt immer noch?"
"Ja doch. Die Meinung sagen ist ja nie falsch. Und von daher denke ich mal, hat sie das auch mitgeprägt, so dass es jetzt besser zwischen uns läuft als damals."
"Was ist eigentlich mit deiner Mutti, hat sie die Trennung sehr mitgenommen, oder wie hat sie das verkraftet?"
"Also, ich denke mal, sie wird froh gewesen sein, dass es irgendwann aus war, weil beide nur noch nebeneinander und nicht mehr miteinander gelebt haben."
"Für die Kinder ist das ja ziemlich schwierig."
"Um Gottes Willen, ich finde für die Kinder ist das der reinste Horror. Weil du nie weißt auf welche Seite du dich schlagen sollst. Beide haben Argumente, wo du denkst, die klingen eigentlich nicht schlecht."
"Klingt einleuchtend."
"Aber eigentlich weißt du nicht, auf welche Seite du dich schlagen sollst bzw. willst du dich auf gar keine Seite schlagen, weil du dir es mit keinem der Beiden verderben willst."
"Klar, sie sind ja Beide deine Eltern."
"Eben. Und du hast ja Beide lieb, egal was da für eine Vorgeschichte war."
"Also bei mir war das immer so, dass ich in meiner Kindheit meinen Papa ganz lieb hatte. Der war auch selten da. Später in meiner Pubertät habe ich ihn gehasst."
"Warum?"
"Ähm, weil er immer daran schuld war, dass sich meine Eltern gestritten haben. Weil er zum Beispiel öfters mal getrunken hat und dann mit seinen Freunden gefeiert hat. Meistens nur am Wochenende. Ja, und meine Mutti saß zu Hause, während er sich ein schönes Leben gemacht hat. Und wenn meine Mutti da irgendetwas gesagt hatte und er damit nicht einverstanden war, gab es natürlich riesen Krach. Und ich war natürlich immer auf der Seite meiner Mutti, weil ich es eingesehen hatte, dass es sie echt verletzt und so. Sie haben sich übelst gestritten und da flossen auch Tränen. Also es hat mich ziemlich stark geprägt. Dafür habe ich ihn gehasst - ich habe ihn wirklich gehasst."
Unsere Pizzen werden gerade gebracht.
"Lecker, lecker, lecker"
"Wir haben nämlich eine Carribian Chicken Lovers Pizza bei Pizza Hut. Lecker! Absolut zu empfehlen!"
"Da man eh nicht mit vollem Mund spricht, hören wir jetzt mal kurz auf. Bis später."


Kurzer Nachtrag (beim letzten Stück Pizza):

"Wir sind schon beim letzten Stück Pizza. Ging das nicht schnell. Es ist gerade mal zwanzig nach sieben."
"Wann haben wir sie bekommen, um?"
"Ja, wahrscheinlich."
"Zwanzig Minuten - ist echt nicht schlecht!"
"Da ist die ganze Pizza weg!"
"Das ist ja nur ne relativ kleine."
"Wir sind verfressen. Ohne Ende!"
"Das stimmt gar nicht."
"Mel versucht nur es runterzuspielen!"
"Erzähl mal hier nicht so ein Scheiß. Stell mich mal nicht in ein so schlechtes Licht!"
"Brauch ich doch gar nicht!"
"Bin ich schon, oder was? Danke!"
Da die Pizza jetzt weg ist, sind wir es auch!
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