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3. Mi, 03.12.03, 8.46 Uhr, Caros Zimmer
Schlüsselerlebnisse - was uns wirklich geprägt hat
... "Erlebnisse, die uns sehr stark geprägt haben."
"Nämlich insgesamt drei Schlüsselerlebnisse."
"Wobei, eins haben wir ja gemeinsam."
"Wir fangen jetzt einfach mal chronologisch an. Das erste 1990."
"Ja, das war meins."
"Na dann erzähl mal."
"1990 war ich gerade in der 3. Klasse. Es war im Winter. Ich muss dazu sagen, dass ich damals zur Schule mit dem Bus gefahren bin. Mit mir ist auch ein Mädchen zusammen in eine Klasse gegangen, die damals meine beste Freundin war."
"Kam sie aus demselben Dorf wie du?"
"Ja, wir wohnten sogar auf derselben Straße und haben uns auch nach der Schule gesehen und getroffen. Wir sind dann zusammen zur Schule gefahren. Das war einer der schlimmsten Erlebnisse, das ich in der Kindheit hatte und ich hoffe, ich werde es nie wieder erleben. An der Haltstelle vor unserer Schule war eine Schnellstraße und es war auch keine Ampel oder ähnliches da. Blöderweise hat sie die Tasche ein wenig hin- und hergeschwenkt und ein Auto hat sie dadurch erwischt. Ich habe es nicht gesehen. Ein Man hat sie auf die Arme genommen und sie von der Straße weggeholt. Ich erinnere mich nur, dass ich wie betäubt dastand. Sie hat gestöhnt, richtig laut gestöhnt. Sie wurde dann zu einem Arzt gebracht. Ich bin nicht in die Praxis rein gegangen, ich stand draußen. Ich habe nur gehört, wie sie geschrieen hat, sie hat furchtbar laut geschrieen. Sie musste solche Schmerzen gehabt haben. Ich erinnere mich nur an diese Schreie. Da bin ich halt weg, weil es einfach furchtbar war."
"Wo bist du hin?"
"Ich weiß es nicht mehr, keine Ahnung. Ich weiß, dass ich nicht in der Schule war. Ich war einfach nur geschockt. Das war schon ziemlich schlimm, da ich ihr auch überhaupt nicht helfen konnte."
"Wie hast du dann erfahren, dass sie tot ist?"
"Ich glaube, meine Mutti hat es mir gesagt. Also, ich war auch nicht auf der Beerdigung. Es war schon ziemlich hart. Vor allem die Tage und Monate danach, wo man alleine zur Schule gehen musste. Das war einfach nur schlimm. Vor allem auch, weil im selben Monat bei uns ein Bürgerkrieg ausgebrochen ist."
"Um was ging es in diesem Bürgerkrieg?"
"Die Tadschiken wollten ihre eigene Republik. Die Russen wollten das natürlich nicht und haben die vielen Aufstände unterdrückt. Deswegen war auch der Hass auf Weiße so stark, egal ob der Weiße Russe, Deutscher oder sonst wer war. Die Moslems zogen in Meuten los und plünderten Schulen, verletzten oder töteten Menschen. Überall sah man Panzer, bewaffnete Soldaten – es herrschte Ausnahmezustand. Für ein Kind wie mich war das Ganze nur erschreckend. Außerdem hat man zu dieser Zeit schon seine ersten Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Nach diesen Erlebnissen sind wir für zwei Jahre nach Sibirien zu meinen Großeltern geflohen, bis dann der Papierkram für unsere Ausreise nach Deutschland fertig war und wir endlich das Land verlassen konnten. Ja, das waren meine großen Schlüsselerlebnisse, die mich sehr geprägt haben. Ich muss sagen, ich hasse Krieg, ich hasse Panzer. Die Bilder sehe ich immer noch vor Augen. Vor allem die Feindseeligkeiten dir gegenüber.
Überleitung zu Mel. Also, was war dein Schlüsselerlebnis und wann war das. Erzähl mal."
"Mein Schlüsselerlebnis war 1992 der Tod von meinem Opi. 1990 war ja die Wende, die man eigentlich auch als Schlüsselerlebnis nennen könnte."
"Warum hast du das nicht als dein Schlüsselerlebnis genannt?"
"Weil ich einfach nicht wirklich viel davon mitgekriegt habe. Es ist ja auch nicht wirklich viel bis zu uns vorgedrungen von den ganzen Geschehnissen in Leipzig und Berlin. An ein Erlebnis kann ich mich noch voll erinnern, was aber erst kurz nach der Wende war. Da sind wir mit dem Trabbi, wie ja fast jeder in der DDR einen Trabbi hatte, zu viert nach Hamburg gefahren. Da haben wir dann irgendwelche Bekannte besucht, weil auch meine Eltern mal in die BRD wollten. Da kann ich mich nur noch daran erinnern, dass wir auf dem Hamburger Dom waren und dass dieser Bekannte immer wieder an einer Losbude zusammen mit mir Lose gezogen hat. Der wollte mir unbedingt so ein Kuscheltier verschaffen. Und wir haben so lange Lose gezogen, bis ich so ein meterhohes Kuscheltier hatte. Und da kann ich mich noch daran erinnern, wir mussten das Kuscheltier ja irgendwie nach Hause transportieren, wie wir es auf den Trabbi oben auf den Gepäckträger geschnallt haben."
"Ist ja geil! Ein Foto wäre klasse. Wahrscheinlich war das Kuscheltier größer als der Trabbi!"
Schallendes Gelächter!
"Fast ja! Wir haben es dann irgendwie nach Hause transportiert - und es ist sogar heil angekommen! Dieses Kuscheltier hat bis vor sechs oder sieben Jahren sogar noch existiert, bis es dann aus allen Nähten geplatzt ist. An mehr kann ich mich aber nicht erinnern, was mit der Wende zusammenhängt." …
... "So, da wir ja gerade bei den Schlüsselerlebnissen waren, machen wir jetzt das dritte und gemeinsame einfach gleich noch mit hinten dran, auch wenn das chronologisch überhaupt nicht passt. Und zwar haben wir beide 2001 angefangen, Jura zu studieren, und da haben wir uns kennen gelernt. Das war am 11.Oktober. Wir mussten uns halt beide über die ZVS für Jura bewerben und wir wurden beide in dieselbe schöne Stadt geschickt. Und da war dann der erste Studientag. Haben wir uns eigentlich gleich am ersten Tag kennen gelernt?"
"Ja, das war gleich der erste Tag. Ich kam mit Melanie da an, wir haben uns ja schon am Tag der Einschreibung kennen gelernt. Und dann sind wir zusammen zur ersten Vorlesung gegangen, und ihr saßt schon mit Charlotte"
"Genau, ich habe mich hingesetzt und Charlotte hat sich neben mich gesetzt. Und ihr saßt eine Reihe vor uns."
"Dann kamen wir mit euch ins Gespräch."
"Keine Ahnung worüber. Und so wurde unsere Vierergruppe Jura geboren, sozusagen."
"Tja, und jetzt schildert Mel, was sie von mir am Anfang gedacht hat. Ich brauche den Beweis wirklich dringend und schriftlich!"
"Also, ich behaupte ja von mir, dass ich normalerweise eine sehr gute Menschenkenntnis habe."
"Das behauptet sie, ja ja!"
"Caro ist da aber so eine Ausnahme, sie ist bis jetzt die einzige, bei der mir das passiert ist, bei der das nicht hingehauen hat."
"Sie hat sich geirrt."
"Ja, ich geb’s ja zu. Und zwar habe ich am Anfang gedacht, dass Caro die Oberzicke schlechthin ist."
"Bin ich aber nicht. Ganz sicher nicht."
"Das kann ich ja nun bestätigen."
"Jetzt darf ich mich geschmeichelt fühlen!"
"Genau, das darfst du. Ähm ja, ich weiß nicht warum, aber sie kam mir einfach so vor. Weil sie hat auch immer einen sehr ernsten Blick drauf."
"Was zu meiner Persönlichkeit absolut nicht passt, muss ich dazu sagen."
"Nee, zu dieser Labertasche, was! Und, da habe ich mich dann geirrt. Denn danach haben wir uns näher kennen gelernt, wir haben auch öfters mal was zusammen gemacht. Und so kam dann unsere Freundschaft zustande. Die bis jetzt ja auch anhält. Schon seit zwei Jahren – wir könnten eigentlich schon Zweijähriges feiern."
"Vor allem kam es ja später auch dazu, dass wir von Jura aus gewechselt haben."
"Zusammen haben wir uns entschlossen, dass machen wir nicht mehr weiter."
"Und das hat die Freundschaft noch mehr geprägt. Dann hat sich das bei Mel auch gerade so ergeben, dass dort die zwei Mitbewohner ausgezogen sind und ich sowieso gerade auf der Suche nach einer Wohnung oder einem Zimmer war, das näher an der Uni lag. Und so bin ich dann dort in ein Zimmer eingezogen. Aber das ist jetzt eine andere Geschichte."
"Aber das gehört ja nun schon nicht mehr hier her. Du musst allerdings noch sagen, was du von mir gedacht hast."
"Also, grundsätzlich muss ich sagen, dass ich mir die Namen nicht merken konnte. Ich habe mir sie irgendwann aufgeschrieben, denn ich bin ziemlich schlecht im Namen merken. Im Laufe der Wochen hat sich das dann gelegt. Was ich nun bei Mel dachte: Ich dachte, sie ist sehr ruhig und da kam auch die Seite mit dem Sarkasmus nicht so durch, das habe ich erst später gemerkt. Wenn ich das gewusst hätte! Nein, ich find das klasse! Ich würde sagen, das ergänzt sich ziemlich gut: Ich bin so eine, die aus der Situation heraus komisch ist, weil mir immer komische Sachen passieren, wie in die Wanne fallen oder so. Mel amüsiert sich bis heute darüber."
"Aber das erzählen wir später."
"Jedenfalls habe ich gedacht, dass sie eher sehr ruhig ist, zurückhaltend und schüchtern, was sich auch bestätigt hatte. Wobei ich sagen muss, dass es sich seit einem halben Jahr sehr sehr verbessert hat, seit sie mit Tobias zusammen ist. Ich muss sagen, dass ich mich mit Mel von den dreien am besten verstanden habe. Ich weiß nicht wieso, es ist einfach so. Wir haben auch viel zusammen unternommen. Melanie und Charlotte waren immer irgendwie beschäftigt, sie hatten einen Freund, sie hatten Arbeit und so weiter. Also hatten sie nie Zeit zu irgendwas. So, und so haben wir uns halt öfters getroffen. Und das mit dem WG-Leben klappt bis heute ganz gut, da wir uns geeinigt haben, uns immer alles zu sagen und nicht in sich hinein zu fressen. Und das ist auch ein guter Tipp für alle, die zusammen leben wollen."
"Aber das WG-Leben ist dann wieder eine ganz andere Geschichte. Und Schluss."
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